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"Lars Duppler - naked"


Piano Solo, aufgenommen im Sendesaal des DLF in Köln

„Ich war nicht wirklich nackt. Ich hatte nur keine Kleider an“, soll Josephine Baker einmal gesagt haben. Der Pianist Lars Duppler, auch bekannt aus den Ensembles von Niels Klein, Jens Düppe oder Nils Wülker, kehrt dieses Bonmot jetzt um: Er präsentiert sich bekleidet und trotzdem „naked“. Die zwölf Solopianostücke seines neuen, bereits fünften Albums offenbaren dabei eine eindrucksvolle Tiefe und eine enorme Konzentration, die gleicher-maßen begeistert und beruhigt. „Das Album ist die logische Antwort auf (mein Vorgänger-Album) raetur“, sagt Lars Duppler. „Nach rockigem Quartett jetzt nur der Flügel und ich.“ Streng genommen waren es drei verschiedene Steinway D-Flügel, die Duppler im ehr-würdigen Kammermusiksaal des DLF für diese Aufnahmen zur Verfügung standen. Mit viel Raum zum Atmen und einer bewusst perfektionierten, trotzdem unaufdringlichen Ästhetik, entfaltet sich so ein abwechslungsreicher Klang-Kosmos, der der Spätromantik ebenso nahe steht wie dem Jazz eines Paul Bley oder John Taylor und der Musik von Frederic Mompou oder Witold Lutoslawski. Dass „naked“ außerdem unbedingt modern klingt und dabei so viel leibhaftiger als so manches Piano-Geklimper aus dem elektronischen Kontext, macht es nur umso dringlicher.

Das "Nackte", Verletzliche taucht im Zusammenhang mit dieser Produktion immer wieder auf. Die Vorbereitungen zu den Aufnahmen fanden vor der Geburt von Lars Dupplers erster Tochter statt, allein und eher ungeplant, täglich am Steinway. Eine Arbeitsphase in der Landesmusikakademie in Neuwied stellte ihn ebenfalls ganz auf sich – ohne weitere Ensembles, ohne Kontakt im Restaurant. Der Tagesablauf: Üben, Schreiben, Spazierengehen. Die Aufnahmen schließlich, in diesem großen Saal, ließen ihn wieder alleine, ohne Noten, ohne das Feedback der Kollegen, auch ohne die Soli anderer Mitspieler oder einen takt-gebenden Rhythmus von Bass und Schlagzeug. „Ich wurde ganz pur auf mein Spiel zurückgeworfen“, meint Duppler. „Was natürlich sehr ehrlich ist, dabei etwas völlig Neues. Es war fast so, als würde man den ganzen Tag über nur die eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter hören oder sich selbst nackt auf einem riesigen Plakat in der Innenstadt entdecken und mehrfach täglich daran vorbeifahren.“

Sechs wunderbare eigene Kompositionen, zwei sehr eigene Interpretationen von Rodgers & Hammersteins Standard „My Favourite Things“ und Irving Berlins "How deep ist he Ocean", sowie diverse nicht minder ausgearbeitete Interludes (mit einem Bandecho aus den Siebzigerjahren aufgenommen, per Hand gesteuert und ohne jegliche Midifizierung) verdichten sich auf „naked“ zu einem Gesamtkunstwerk mit diversen Strömungen und Spannungsbögen. Man kann diese Musik ganz bewusst oder völlig nebenbei hören, abends oder morgens und natürlich in jedem nur erdenklichen Status der Enthüllung – immer wieder fasziniert und überrascht sie aufs Neue.