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RÆTUR

Lars Duppler - Fender Rhodes, Moog
Johannes Behr - Gitarre
Philipp Bardenberg - E-Bass
Jens Düppe - Schlagzeug

Als Gast:
Pétur Ben - Gesang

(EAR TREAT music / edel kultur) 0206178ETM

Die Musik von rætur erwischt einen kalt und direkt. Eben das neue Album von Lars Duppler angemacht, dieses "aufgehenden Sterns am Jazz-Firmament", den man für seine "Alliance Urbaine" und als Pianist in den Bands von Nils Wülker, Tom Gaebel oder Inga Lühning schätzt, schon steht man mitten im herrlichsten Gewitter: Das Schlagzeug drückt von unten, ein knarzendes Moog-Stottern treibt seitlich an, auch der satte E-Bass und sogar die Fender Rhodes- und Gitarren-Melodie stürmen unnachgiebig ins Ohr. Das rockt – und trifft mit der Donnerkraft des Thor ins Schwarze.

Rhythmisch mitreißend, eindringlich melodiös und versiert improvisiert gelingt Lars Duppler und seiner neuen, elektrischen Band dabei die fantastische Wiedervereinigung von Jazz und Rock. Es ist ein organisches und authentisches "best of two worlds", das sich von 70s-Legenden wie dem Mahavishnu Orchestra, Weather Report oder Led Zeppelin inspirieren lässt, dabei ständig spannende, eigene Wege auslotet. "Vom Sound her Rock, vom Spirit eher Jazz", wie es der 35-jährige Bandleader formuliert. Stilblüten und Schubladen helfen da nicht weiter; Qualität und Originalität stehen bei dieser außergewöhnlichen Produktion im Vordergrund. Denn "ein gutes Pferd hat keine Farbe", wie man in Island sagt.

Womit wir bei der zweiten Weltenvereinigung wären. Der isländische Albumtitel, der sich "reitur" spricht, aber den Wortstamm weniger mit einem Reiter als mit den englischen "roots" teilt, steht für Lars Dupplers isländische Wurzeln. In den drei Eigenkompositionen auf rætur und seinen zehn Bearbeitungen von alten und neuen isländischen Liedern – vom 17. Jahrhundert bis hin zu Björk – findet der Komponist und Keyboarder mit Wohnsitz in Köln den Klang seiner zweiten Heimat, irgendwo zwischen den pawlowschen Reizen seiner Muttersprache, dem Selbstbewusstsein der Musikszene von Reykjavik und der schroffen, düsteren Weite dieser mitternachtssonnigen Vulkaninsel kurz vorm nördlichen Polarkreis. "Bei Island denken die meisten an Mystik, Trolle, Elfen, schwebende Sounds und lange Töne", meint Lars Duppler. "Aber ich höre da eher Rock. Sigur Rós ist für mich Bombast-Elegie und auch die Musik von GusGus, Björk oder Múgison ist sehr stark und intensiv. Deshalb ist meine Platte auch sehr rockig geworden. Genauso wie ich es haben wollte."

Im Juni und August 2010 mit dem Gitarristen Johannes Behr, dem Bassisten Philipp Bardenberg, Schlagzeuger Jens Düppe, Lars Duppler an Fender Rhodes und Moog und zwei Mal auch mit dem isländischen Rockstar Pétur Ben an den Vocals im Studio Tánkurinn im isländischen Flateyri aufgenommen, stürmt rætur so intensiv und eindrucksvoll wie ein Tornado. Auch in den ruhigen Momenten dieser guten Stunde knistert die Spannung, wartet der Geist der Ekstase, um sich gleich umso heftiger zu entladen.

Man muss nicht wissen, dass die Stücke, die diesen Kompositionen zugrunde liegen, vom Pferdekauf handeln, von Seemannstänzen, Sagenhelden, christlicher Demut oder von der Schönheit des Fjords ("außer im Winter, dann gibt es keinen schrecklicheren Ort auf der Welt. Dann sterben Mensch und Tier.") Aber es hilft, beim Zuhören an die überwältigende Autorität dieser vulkanischen Naturschauspielstätte zu denken. Dann wirkt rætur noch mehr wie ein sagenhafter Soundtrack, wie der Klang der Sehnsucht. Aber auch so und für sich ist es ein gründliches, nachhaltiges Statement. Und verdammt gute Musik.